„Was macht Jesus da?“

Vielleicht geht es Ihnen wie mir. Manchmal lese ich die Evangelien und ertappe mich bei der Frage: „Wieso kommt Jesus nicht auf den Punkt? Das war so eine evangelistische Steilvorlage! Wieso erklärt er nicht die vier geistlichen Gesetze und betet mit dem Fragesteller?!“

Mir ging das lange im Blick auf seine Begegnung mit dem reichen jungen Mann so (Markus 10,17ff). Was würden wir darum geben, diese Frage: „…was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?“, öfter zu hören! Aber Jesus lässt diesen Mann voll auflaufen.

Das Beispiel vom barmherzigen Samariter brachte er in einer ganz ähnlichen Situation (Lukas 10,25-37). Wieder wird nach dem ewigen Leben gefragt, wieder antwortet Jesus mit einer Gegenfrage.

Der Ratsuchende bohrt weiter: „…wer ist mein Mitmensch [den ich lieben soll]?“ Darauf erzählt Jesus die Geschichte des barmherzigen Samariters, um dann erneut eine Frage zu stellen: „Was meinst du? … Wer … hat … als Mitmensch gehandelt?“ Auch hier liefert nicht Jesus die Antwort. Er gibt am Ende nur die Aufforderung mit: „Dann geh und mach es ebenso!“

Was hatte Jesus vor?

Wieso handelt Jesus so? Wieso sagt er nicht einfach, wie es ist?

Er wollte zum Nachdenken anregen. Er wollte nicht einfach eine schnelle Antwort für den Kopf geben, die der Fragende dann abgehakt oder vielleicht auch abgelehnt hätte.

Die Ratsuchenden sollten selber die richtigen Schlüsse ziehen. Und die Provokateure ihre Heuchelei nicht nur an den Kopf geworfen bekommen, sondern sie wirklich erkennen.

Von Jesus Lehren lernen

Wieso erzähle ich Ihnen das alles? Weil ich Sie dafür gewinnen möchte, mit BAO einen ganz ähnlichen Ansatz zu verfolgen (Pädagogik).

Unsere Kurse leben schon vor dem eigentlichen Seminarabend davon, dass sich jeder Teilnehmer selber Gedanken macht. Die Zitate und Fallstudien (Schritt 1) sollen sein Denken anregen. Die Bibeltexte untersucht er mit Hilfsfragen eigenständig (Schritt 2). Selbst, nachdem er durch die Literatur Input bekommen hat (Schritt 3), ist in Schritt 4 seine ganz eigene Meinung gefragt. Und schließlich wird ihm die Konsequenz aus der Lektion (Schritt 6) nicht vom Kursleiter diktiert, sondern hoffentlich von Gott aufs Herz gelegt.

Und mittendrin treffen sich die Teilnehmer am Seminarabend, um gemeinsam über das Thema nachzudenken. Der Kursleiter braucht keinen gut recherchierten Vortrag halten, weil jeder etwas beizutragen hat. Und er soll keinen Vortrag halten, damit jeder Teilnehmer die eigenen Schlüsse ziehen, die eigenen Fehler erkennen, die eigenen Schritte gehen kann.

Es geht dabei nicht um Beliebigkeit. Der Kurs soll nicht Anregung für je eigene religiöse Ideen sein. Nein, das Gruppengespräch soll zielführend sein. Wie Gott einem Prediger aufs Herz legt, was Er durch seine Predigt erreichen will, so sollte das auch der Kursleiter erbeten. „Gott, wo willst Du hin mit diesem Abend?“ Aber dieses Ziel wird eben im Gespräch erreicht.

Aus Studien über den Lernprozess geht hervor, dass wir uns im Durschnitt zehn Prozent dessen merken, was wir hören, … (dagegen merken wir uns bis zu 90 Prozent dessen, was wir sagen.) Um also den Lernerfolg zu verbessern, müssen wir Sorge dafür tragen, das jeder einzelne mehr über die Bibel spricht.
Robert Hestenes, Using the Bible in Groups

Das wusste – wen wundert’s? – schon der beste Lehrer (und so viel mehr als das!), den die Welt je gesehen hat: Jesus. Und davon können auch heute noch Gemeinden profitieren, wenn sie ihre Mitglieder ausrüsten wollen.

 
 
Dieser Blogeintrag ist eine stark erweiterte Version des Abschnitts „Der Wert von zielführenden Gruppengesprächen“ in unserem Trainingshandbuch für Kursleiter.
Die Bibeltexte sind nach der Neuen Genfer Übersetzung wiedergegeben: Version NGÜ, © 2011 Genfer Bibelgesellschaft.
Foto: asiseeit / istockphoto.com  (Direkt zum Bild)

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